Europa/ Berlin/ HBF

Freitag 31.12.1999 12:00:00Uhr (13:00:00 Uhr UTC)

 

Holger Strauch ist 32 Jahre alt, Taxifahrer und muss am Abend des Millenniums arbeiten. Heute scheint irgendwie nicht sein Tag zu sein. Immer noch stehen ca. 25 Taxen vor ihm und warten auf Kundschaft. Er hätte den Abend viel lieber mit seiner neuen Freundin verbracht, aber irgendwo muss das Geld ja her kommen für Miete, Strom und dergleichen. Gelangweilt macht er das Radio an:
„…en Stunden im Chaos? Stromversorger, Banken, Krankenhäuser und andere Institute glauben sich gut vorbereitet zu haben für den Jahrtausendwechsel. Absolute Sicherheit kann aber niemand garantieren. Viele Augen blicken in wenigen Stunden gespannt nach Sydney, denn die australische Metropole wird die erste Großstadt sein, die die möglichen Auswirkungen des so genannten "Y2K"-Fehlers der Computer zu spüren bekommen wird. Zeitzone für Zeitzone wird dann das Problem nach Westen wandern. Das zentrale deutsche Krisenzentrum im Berliner Innenministerium wird den Zeitvorteil von bis zu zwölf Stunden nutzen, da es über das Internet mit Informationen aus Neuseeland und Australien versorgt werden wird…“ „Die machen doch alle nur noch mehr verrückt mit diesen Berichten. Ich gehe jede Wette ein, dass überhaupt nichts passiert. Ist doch alles nur abergläubischer Schwachsinn. Na endlich…nur noch 23 Taxen…“

 

Antarktika/ Neumayer-Forschungsstation

Freitag 31.12.1999 21:30:27Uhr (23:30:27Uhr UTC)

 

Bald beginnt das neue Jahr. Ein neues Jahrtausend um genau zu sein. Das Jahr 2000. Die Crew der Polar 2, eine Polarfliegergruppe die am 24. Dez. eingetroffen war und die Besatzung der Neumeyer Station feiern mit Fondue und viel Sekt ins neue Jahr hinein. Draußen herrschen arktische Temperaturen aber der Himmel ist Sternenklar. „Nirgendwo kann man wahrscheinlich einen schöneren Sternenhimmel sehen“ denkt Martin, der sich kurz von der feiernden Meute entfernt hat und sich an der Polar 2 anlehnt, die durch Driftschnee bis zum Bauch eingebettet ist. Dieser letzte Messflug heute hatte ihn geärgert. Einige Messgeräte haben falsche Ergebnisse geliefert. Das wird ihre Arbeit hier wieder um Wochen zurückwerfen, wenn die Geräte tatsächlich defekt sein sollten. Hier draußen kann es Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern bis Ersatzteile geliefert werden. „Oh Polarlichter…“ denkt er. Blauweiße Lichter bilden eine Art seidenen Vorhang am Firmament.

 

Asien/Tokio/Bezirk Marunouchi

Samstag 01.01.2000 08:35:54Uhr (23:35:54Uhr UTC)

 

Takumi sitzt immer noch am Zentralrechner. Es dämmert bereits. Er muss heute sehr wachsam sein, die Seniorpartner vertrauen ihm. Kurz vor dem Jahreswechsel ist die Angst vor Computerabstürzen groß, dass könnte immens hohe Verluste für die Firma bedeuten und nicht nur das. Der Ausfall einiger Sicherheitssysteme könnte dazu führen, dass sich Hacker in die Firmencomputer einschleichen und geheime Informationen stehlen. Weil er als hoch begabtes Computergenie für die Sicherheit des Systems zuständig ist, muss er an so einem wichtigen Tag wie dem „Oshogatsu“ Überstunden machen, anstatt mit seinen Freunden zu feiern. Dafür hat er aber die nächsten drei Tage Urlaub bekommen, damit er traditionell mit seiner Familie feiern kann. Takumi kennt alle Tricks dieser Hacker, er selbst hat schon oft seine Kenntnisse zur Industriespionage für seine Vorgesetzten angewandt. „Da ist wieder einer…“ flüstert er leise vor sich hin während er versucht die IP Adresse des vermeidlichen Hackers herauszufinden. „Gleich hab ich dich… hey, du bist flink. Jetzt zeig ich dir mal wie das geht, du Anfänger!“.

 

Europa/Rom/Petersdom/Geheimes Archiv des Vatikans

Samstag 01.01.2000 00:40:13 (23:40:13Uhr UTC)

 

Bruder Antonio konnte in den letzten zwei Nächten nicht gut schlafen. Etwas beschäftigt ihn und lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Draußen hört er vom Petersplatz her die feiernden Menschenmassen durch die Luftschächte. „Gott sei dank, schon fast 01:00Uhr und nichts schlimmes ist passiert!“ denkt er und sucht weiter. Irgendwo hier muss Bruder Desiderius es versteckt haben. Er hatte es schon einmal gefunden. Es stand normal bei den ganzen anderen Büchern hier, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Doch Bruder Desiderius meinte, dass es selbst für Antonio noch nicht an der Zeit wäre, dieses Buch zu lesen. Und dann hat er es an einem neuen Ort versteckt. Aber Antonio hat ihn gestern in diese Katakombe hinein schleichen gesehen. Das Buch muss hier irgendwo sein. An der Wand hängt ein alter vergammelter Wandteppich, der Knüpfereien des letzten Abendmahles zeigt. Merkwürdig, hier unten ist sonst nichts dekoriert. Nur kalte, feuchte Mauern in einem riesigen Irrgarten aus Kellergewölben. Als er den Wandteppich zur Seite zieht, fängt sein Puls an zu rasen. Da ist es, versteckt in einer Nische zwischen den Mauersteinen. Er zieht das Buch heraus und legt es neben die Kerze auf den alten Tisch in der Mitte des Gewölbes.

 

Europa/Moskau/Wostochny

Samstag 01.01.2000 02:43:38 (23:43:38Uhr UTC)

 

Alexei sitzt vor dem Fernseher im Wohnzimmer. Neben seinem Sessel steht der prachtvoll geschmückte Jolka, ein Tannenbaum, den er heute zusammen mit Nadja dekoriert hat. Darunter liegen zwei Geschenke die in rotes Papier eingepackt sind. „Nadja, komm schnell und sieh dir dass an! Jelzin ist zurückgetreten und Putin ist Präsident.“ Nadja kommt eilig aus der Küche gerannt. „Was, Jelzin ist jetzt schon zurückgetreten? Seine Amtszeit hätte doch noch ein halbes Jahr gedauert.“ „Ja, aber es ist so. Da, schau. Find ich gut, Putin wird diesen Tschecheinen endlich mal zeigen wo´s lang geht.“ Nadja schaut ihn ernst aber verliebt an. „Schatz, hast du die Postkarten gestern nach der Arbeit auch in den Briefkasten geworfen?“ fragt sie. „Ja, hab ich Schatz. Die sind auf den Weg zu unseren Familien. Schade dass wir diesmal nicht mit ihnen ins neue Jahr feiern können, aber mit deiner Schwangerschaft möchte ich nicht so weit reisen müssen. Unser Baby kann jeder Zeit zur Welt kommen. Lass mich bitte noch kurz schauen was jetzt mit Putin ist. Verdammt, jetzt zeigen die einen Bericht über den Jahreswechsel in London. Die hatten ja noch gar kein Neujahr. Schau dir mal den feinen Pinkel mit dem Zylinder an. Schatz wo ist die Fernbedienung? …Schatz? Schatz wo ist…oh Gott. Schatz was ist mit dir?“

 

Asien/Tokio/Bezirk Marunouchi

Samstag 01.01.2000 08:45:14 (23:45:14Uhr UTC)

 

Takumi greift nach seinem Head-mounted-Display und setzt es auf: „Voice-Control aktivieren! Verbinde Neurale Anschlüsse des Headsets mit meinen Nervenbahnen. Login: Firmennetzwerk Tamajoto. Passwort: Saberrider. Schalte um auf Mind-Control.“ Takumis Geist und sein Computer scheinen miteinander zu verschmelzen. Während er tippt, gibt er gleichzeitig mit seinen Gedanken Befehle an den Rechner weiter. „So du Wichser, dass ist das neueste aus der Entwicklung der virtuellen Technik. Jetzt mach ich dich alle! Oh...!“ Plötzlich erkennt Takumi, dass das Signal nicht von außerhalb des Firmennetzwerkes kommt. Es kommt direkt vom Zentralrechner der Firma.

 

Europa/Moskau/Wostochny

Samstag 01.01.2000 02:50:38 (23:50:38Uhr UTC)

 

Alexei versucht aufgeregt einen Arzt zu erreichen, jedoch ohne Erfolg. Nadja liegt mit starken Wehen im Bett und schreit ununterbrochen. „Du musst ruhiger atmen Nadja“ versucht er sie zu beruhigen, aber mehr noch sich selbst. „Was soll ich jetzt tun?“ fragt er sie. „“Du musst unser Kind zur Welt bringen…“ flüstert Nadja.

 

Europa/ Berlin/ HBF

Freitag 31.12.1999 22:52:11Uhr (23:52:11 Uhr UTC)

 

„Was für ein Tag“ denkt Holger Strauch, der gerade seine Nachtschicht aufgenommen hat und macht das Radio wieder an: "Der neue russische Regierungschef wurde 1952 in Leningrad geboren. 1975 beendete er sein Jurastudium. Seine erste Reise als amtierender Präsident führte ihn noch in der heutigen Silvesternacht in die Kaukasus-Republik Tschetschenien. Das russische Staatsfernsehen zeigte ihn beim symbolträchtigen Verteilen von Jagdmessern an Soldaten." „Krass, was heute Abend so abgeht in der Welt.“, denkt Holger. Die Beifahrertüre öffnet sich und ein Herr mit Zylinder steigt ins Taxi. „Entschuldigung aber sie müssen das erste Taxi da…“ möchte Holger sagen, doch er wird von dem Mann unterbrochen. „Nach London bitte zum Big Ben.“ entgegnet der Zylindermann höflich und gelassen, mit einem leicht englischen Akzent. Holger scheint es in überhaupt nicht merkwürdig zu finden, dass der Fahrgast von Berlin nach London in einem Taxi fahren möchte. Wie hypnotisiert schaltet er den Gebührenzähler ein und fährt los. Seine Kollegen schimpfen fürchterlich als er an ihnen vorbeifährt, doch er  beachtet sie gar nicht und biegt in eine Sackgasse ein. Die 83 Jährige Ruth Müller sitzt an einem Fenster in dieser Straße und möchte sich das Berliner Neujahrsfeuerwerk ansehen, als plötzlich wie aus dem Nichts Nebel aufsteigt. „Seltsam!“, denkt sie. „Ich hätte schwören können, dass dort eben ein Taxi direkt auf die Mauer zu gefahren ist.“

 

Antarktika/ Neumayer-Forschungsstation

Freitag 31.12.1999 21:54:26 (23:54:26Uhr UTC)


„Verdammt es ist weg. Und da kommen die anderen aus der Röhre. Nur einen Augenblick früher und sie hätten es auch gesehen.“ Martin steht gebannt neben der Polar 2 und schaut gen Himmel. „Was ist denn los Martin, warum sollten wir nun raus kommen? Wenn das wieder einer deiner Scherze ist, werfe ich dich den Pinguinen zum Fraß vor.“ Miriam war schon etwas angetrunken. „Da war ein riesiger…“, blauer Planet, wollte Martin antworten, aber er unterbrach den Satz. „Ein riesiger was…“ fragte Uwe, der gerade aus der Röhre kletterte. „Ach nichts, war wohl doch nur ein Wetterleuchten“, entgegnete Martin unsicher. „Wetterleuchten? Toll, lasst uns hier draußen in Uwes Geburtstag rein feiern. Vielleicht sehen wir ja noch eins. Was wäre denn Silvester ohne ein schönes Feuerwerk. Hey, schaut mal. Die Eisradarantennen unter den Tragflächen der Polar 2 kann man bestimmt auch wunderbar als Bar benutzen.“

 

Europa/Rom/Petersdom/Geheimes Archiv des Vatikans

Freitag 23:59:51 (23:59:51Uhr UTC)


Bruder Benedict betrachtet den Einband des Buches: „Offenbarungen des Sebastian – Das Erwachen“.

 

Asien/Tokio/Bezirk Marunouchi

Montag 06:59:52 (23:59:52Uhr UTC)
Takumi verspürt plötzlich eine leichte elektrische Spannung in seinen Schläfen. „Verdammt, was hat das zu bed…“ Mehrere hundert Volt laufen schlagartig durch seinen Körper. Danach sinkt dieser leblos vom Schreibtischstuhl zu Boden. Auf dem Bildschirm öffnet sich ein Dialogfenster: „Takumi-KI0.1 online 00:00:01. Brauche Input!“

 

Europa/Moskau/Wostochny

Samstag 01.01.2000 02:59:53 (23:59:53Uhr UTC)


Alexei sitzt am Küchentisch und hält eine Flasche Wodka in der Hand. Mit der anderen Hand bedeckt er seine Augen. Er seufzt. Die Türe zum Schlafzimmer steht offen. Er nimmt noch einen tiefen Schluck aus der Flasche, steht auf und torkelt zur Schlafzimmertüre. Das Baby hatte er in ein Bettlaken eingewickelt und liegt nun in Nadjas Armen. Alexei nimmt noch einen tiefen schluck und bewegt sich langsam auf das Bett zu. Nadia schaut irritiert auf. Behutsam faltet Alexei ein Stück des Bettlakens zur Seite. „Tatsächlich! Spitze Ohren!? Die muss er von deiner Mutter haben.“, flüstert er leicht angetrunken aber sehr liebevoll.

7, 6, 5, 4, 3, 2, 1…

 

Europa/ London/ Big Ben

Millennium 00:00:00Uhr (00:00:00Uhr UTC)


0…Die Zeit steht still. Das ist jetzt nicht metaphorisch gemeint, denn James steht mitten in der eben noch feiernden Menschenmenge und nichts rührt sich. Die Leute scheinen wie Wachsfiguren mitten in ihrer Handlung fest gefroren zu sein. Er sieht sich um. Neben ihm steht ein Mann, der gerade eine sprudelnde Sektflasche geöffnet hatte. Der Korken hängt regungslos einen Meter über den Köpfen der Menschen in der Luft. Eine betrunkene Frau hat im Tumult das Gleichgewicht verloren. Ihr Absatz ist abgebrochen und eigentlich müsste sie nun zu Boden fallen. Aber ihr Körper verharrt regungslos in einer unglaublich peinlichen Pose und sie macht dabei auch noch ein sehr schockiertes Gesicht. James schaut zur Turmuhr des Big Ben. Null Uhr! Die Zeit steht still. Nichts regt sich und es ist auch nichts zu hören. Oder doch? James versucht sich zu konzentrieren. Da ist etwas, ein leises Geräusch. Es klingt wie das ticken einer Uhr. Kann das sein? Er glaubt die Zahnräder des Big Ben in der Ferne  zu hören. Mit einem lauten ohrenbetäubenden Knall ist plötzlich alles um ihn herum wieder belebt. Menschen schreien vor Freude, Sektkorken Knallen und ein riesiges Feuerwerk findet statt. James fängt die Frau mit dem abgebrochenen Absatz auf, die ihm daraufhin einen lange anhaltenden Kuss gibt. Die Glocken des Big Ben ertönen. James sucht verwirrt nach seinen Zigaretten. Ein Mann mit einem Zylinder reicht ihm Feuer und wünscht ihm ein frohes neues Millennium. Ein Betrunkener rempelt ihn an und als James sich wieder umschaut ist der Mann mit dem Zylinder auch schon wieder verschwunden. Da ertönt abermals ein lauter Knall. Diesmal ist es ein Autounfall. Ein scheinbar völlig verwirrter, deutscher Taxifahrer wollte falsch abbiegen. James versteht nicht genau, was dieser aufgeregt versucht den Bobbys mitzuteilen.  Nur wenige Wortfetzen kann er mit seinem geringen, deutschen Wortschatz heraushören: "...Mann mit Zylinder...eben noch in Deutschland...ich will telefonieren...nein das ist mein Taxi, verdammt nochmal..." "Diese Deutschen werden es wohl niemals wirklich lernen auf der richtigen Straßenseite zu fahren.", denkt sich James und tritt seine Zigarette aus.


Irgendwo an einem geheimen Ort

Irgendwann zwischen 31.12.1999 und 01.01.2000 (00:00:00Uhr UTC)


Durch dichten Nebel wandert eine Gestalt mit Zylinder und Gehstock. Plötzlich bleibt sie stehen und schaut sich suchend um. Dann zeichnet sie mit dem Gehstock etwas in den Staubigen Boden, woraufhin eine Art Schemel wie aus dem nichts erscheint. Die Person nimmt darauf platz, schlägt ihre Beine übereinander und zupft ihre Handschuhe zurecht. Danach zieht sie aus ihrem Jackett eine Taschenuhr und wirft einen prüfenden Blick darauf. „Ihr seid spät dran!“ flüstert eine tiefe Stimme aus dem Nebel. „Genau richtig möchte ich meinen.“ Entgegnet die Person mit dem Zylinder. „Ich habe noch einen kleinen Abstecher nach London unternommen. Ein derartiges Ereignis findet nicht alle Tage statt und ich wollte im Zentrum des Geschehens dabei sein.“

Der Zylindermann zündet sich eine Zigarette an und aus dem Nebel erscheint eine Gestalt mit langem Kapuzenumhang und Stab. „Es war sehr leichtsinnig von euch, sich heute unter die Schläfer zu begeben. Der Schleier ist gefallen. Das Erwachen hat begonnen. Ich spüre es und ihr spürt es auch. Diese Magie die uns durchströmt ist um ein vielfaches stärker als zuvor.“ „Ihr habt recht alter Freund, ich habe heute unter anderem ein paar nützliche neue Fähigkeiten an mir entdeckt, aber darüber reden wir zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Wo ist übrigens der Rest von uns? Sind alle Vorbereitungen getroffen?“ „Wie verabredet anwesend Sir Robin.“ ertönt eine hallende Stimme und aus dem Nebel gleitet eine würdevolle, androgyne Gestalt, mit blau schillernder Haut, Anzug und Krawatte. „Es ist alles vorbereite. Wie es die Prophezeiung vorgeschrieben hat.“ Sir Robin schaut den Androgynen etwas irritiert an: „Kryll…seid ihr das?“ „Das Millennium hat auch bei mir seine Spuren hinterlassen, Sir Robin!“, erwidert Kryll völlig emotionslos.

Sir Robin schaut erneut prüfend auf seine Taschenuhr, als ein einzelner Scheinwerfer in der ferne des dichten Nebels zu erkennen ist. Mit lautem Getöse rast ein rotes Motorrad aus dem Nebel hervor und kommt nur wenige Zentimeter vor Kryll zum stehen. Der blauhäutige zuckt mit keiner Wimper und wirkt völlig unbeeindruckt. „Hey Kryll, alles senkrecht?“ fragt eine weibliche Stimme unter dem Helm. „Seid wann hast du dich den tätowieren lassen? Robin, frisch siehst du aus, aber modisch hängst du immer noch schwer hinterher. Und Bruder Desiderius ist auch schon da.“ „Unterlasse es doch bitte, Kryll wegen seiner neuen Hautfarbe zu hänseln.“ entgegnet Sir Robin. Die Dame zieht ihren Helm aus und zum Vorschein kommt eine sehr attraktive Frau mit schwarzen Haaren und zwei kleinen Hörnern auf der Stirn. „Ach, und was soll ich sagen, wisst ihr eigentlich wie schwer es war mir auf die Schnelle einen passenden Helm zu besorgen?“ Sir Robin kann sich ein leichtes schmunzeln nicht verkneifen.

„Sind wir nun vollzählig?“ fragt eine weitere Stimme und vier Gestalten treten aus dem Nebel hervor. Sir Robin, Bruder Desiderius, Kryll und Helena gehen sofort ehrfürchtig auf die Knie als sie die Stimme hören. „Wir grüßen euch Meister Amires und ich darf euch mitteilen, dass alles so läuft wie ihr es geplant habt.“ sagt Sir Robin. Meister Amires deutet allen an sich zu erheben. Als sie ihn direkt anschauen, sehen sie eine durchsichtige, schimmernde Gestalt. In seiner linken Hand hält er einen Würfel und in der rechten einen Stab, der eine Mischung aus Lanze und Sense zu sein scheint. „Gut, ich habe nicht viel Zeit. Mein Geist muss bald zurückkehren. Was ist mit den großen Fraktionen?“ „Ich habe mich eben mit den Vorstehern der Fraktionen getroffen und diese haben mir dasselbe berichtet.“ Antwortet Kryll kühl. „Es haben sich sogar einige neumodische Fraktionen gegründet, zum Beispiel eine Gilde der Wissenschaft. Die ersten Monarchen sind auch erwacht, ich bin mir nicht ganz sicher, wie sie sich in dieser neuen Zeit zurechtfinden werden.“

„Dann lasst uns schnell beginnen,“ entgegnet Meister Amires. „Darf ich euch Anastasia Ivanova, Anchahka und Borga vorstellen.“ Nun kann man auch die übrigen Gestalten erkennen welche aus dem Nebel treten. Eine Frau mit langen schwarzen Haaren, marmorbleicher Haut und einem schwarzen Barockkleid. Ein Mädchen mit schneeweißer Haut, blauen Haaren und spitzen Ohren, gehüllt in ein seidenweißes Gewand. Hinter ihr kommt gelegentlich ein kleiner buschiger Schwanz zum Vorschein, mit dem sie leicht aufgeregt hin und her wedelt. "Ein Traumling?!" dachte Sir Robin. Das dritte Wesen im Bunde ist ein weißer Minotaure, ein Titan der Chimäre. Neben schamanischen Runen auf seinem Körper kann man tief vernarbte Wunden erkennen.

„Meister Amires, was ist nun mit eurem Orden? Wer soll uns leiten und beistehen, wenn nicht ihr?“ fragt Bruder Desiderius. „Der Orden der arkanen Krieger wird im verborgenen bleiben und versuchen, eine neue Generation von Aethersensitiven Geschöpfen auszubilden. Es gibt immer noch zu wenige von uns und ob die anderen Gruppierungen der Aetherasketen noch existieren, vermag ich derzeit nicht zu sagen. Die arkanen Krieger, die noch existieren, werden vorerst ungesehen unter euch wandeln. Sollten sie dabei auf Anhänger der Dras´shar Sekte stoßen, werden sie alles tun, um diese zu bekämpfen.“

Er schaut kurz gen Himmel: „Lasst uns nun keine Zeit mehr mit Worten verschwenden.“ Meister Amires schleudert seinen Stab geschickt durch die Luft und ein leichter Windhauch treibt den Nebel soweit zurück, dass sieben kreisförmig angeordnete Megalithen zum Vorschein kommen. „Nehmt eure Position ein“ sagt er und alle Anwesenden begeben sich zu einem der mystischen Steine. Dann rammt er mit seiner rechten Hand den Taura'tavar, die Stabwaffe der arkanen Krieger, in den Boden. Die Erde beginnt zu beben. Er streckt seine linke Hand mit dem Arkon, einem magischen Würfelartefakt, gen Himmel. Blitze schlagen in das Arkon ein und werden scheinbar durch den astralen Körper, über den Stab, in den Boden und zu den sieben Steinen geleitet. Ein achter, schwarzer Megalith, bleibt völlig unberührt. Die Erde öffnet sich und ein steinerner Altar erhebt sich aus der Tiefe. „So haben wir uns hier versammelt, um den alten Schwur der Völker und den Pakt der Mächte zu erneuern.“ spricht Meister Amires und legt das Arkon auf den Altar. Die Erde bebt immer noch. „Wie schon vor langer, langer Zeit sind die Vertreter der sieben Häuser hier auf Mythandria zusammengekommen, denn das Zeitalter des Erwachens hat begonnen. Der Nebel über der Ritualstätte lichtet sich und ein riesiger blauer Mond kommt zum Vorschein und hüllt den Altar in sanftes, blau schimmerndes Licht. Etwas abseits von ihm leuchtet ein kleiner weißer Mond. Die Erde weiterhin und Meister Amires Stimme hallt nun wie aus einer anderen Dimension: „Arkain tir kromm derat, siful dar Arkanum, Arkon het dra Taura`der, min ju Taura´tar!“

 

Europa/ London

01.01.2000 01:01:01Uhr (01:01:01Uhr UTC)


Sir Robin wacht erschrocken auf dem Sofa in der Lounge seines Anwesens auf. Sofort greift er nach seiner Taschenuhr. 01:01 Uhr. Ein Butler kommt mit einem schnurlosen Telefon durch die Türe. „Für sie, Sir Robin“ Er nimmt das Telefon, ohne zu fragen wer dran ist. Die Türklingel läutet und der Butler begibt sich wieder aus dem Raum. „Ja bitte?“ Helenas stimmte dringt durch den Hörer: „Hey Robby, gut das du zu Hause bist. Sag mal hattest du gerade auch so nen krassen Traum?“ Robin versucht sich an die Details des Traumes zu erinnern. Eine Art Schwur und die sechs Kammerherren der anderen Häuser... aber da war doch noch mehr!? „Ja ich hatte auch diesen Traum.“ sagt er, ohne überhaupt nach zu fragen was in Helenas Traum eigentlich passiert ist. „Helena, ich rufe dich gleich zurück.“ sagt er, legt auf und geht zu seinem Schreibtisch um etwas zu suchen. Plötzlich steht sein Butler wieder im Raum: „Sir, da ist ein Herr, der sie sprechen möchte!“. „Nicht jetzt Johan, ich habe…“. „Guten Abend!“, ertönt eine leicht monotone Stimme im Hintergrund. Ein Mann mit schwarzem Anzug, roter Krawatte und Sonnenbrille steht in der Türe. Sein Handy hält er wie einen Scanner vor sich. „Markus Winter, Einheit 0015 vom MKÜP: Ministerium zur Kontrolle übernatürlicher Phänomene! Ich hätte da einige Fragen an Sie."

"Seid gegrüßt Suchende! Ich bin Talesme, das Buch der Legenden, eines der großen Bücher der Macht. Meine Aufgabe ist es, euch von den Geschichten des Erwachens zu berichten."

 

Erwacht

 

"Guten Abend. Was hat euch denn hierher verschlagen Fremder? Ah, der gute alte Jakob hat euch gesagt ihr sollt euch an mich wenden. Habt ihr ihm wenigstens etwas Kleingeld in seinen Hut gegeben für diesen Hinweis? Jakob hatte schon immer ein gutes Gespür für Neu-Erwachte. Was Erwachte sind? Ohje, du bist wirklich ein absoluter Frischling. Steig aus deinem Auto und komm rein, bevor dich noch jemand sieht mit deinen spitzen Ohren! Du hast Glück, dass du an mich geraten und nicht dem Büttel in die Hände gefallen bist. Der hätte dich in der Luft zerrissen, weil du dich noch nicht beim Grafen vorgestellt hast... Den Grafen? Ja, den wirst du auch kennen lernen, aber erst einmal bringe ich dir die Gesetze unserer Gesellschaft bei. Lass mich ausreden... Dein Leben wie du es bisher gekannt hast ist vorbei. Du hast nur zwei Möglichkeiten: Du drehst dich auf der Stelle um und gehst mir aus den Augen. Dann wirst du entweder deine neu entdeckten Fähigkeiten vor den Schläfern anwenden und dich in Luft auflösen... nein, Schläfer sind die normalen Menschen ohne besondere magische Fähigkeiten... oder du wirst dem Büttel und seinen Schultheissen in die Hände fallen. Dann werden dir deine noch kümmerlich ausgeprägten Zaubertricks auch nicht mehr helfen können. Oder du bleibst hier und tust was ich dir sage. Hier sind einige Bücher. Studiere sie und lerne alles über über Magie, die Monarchi der Erwachten, die großen Häuser, die Gilden und unsere Gesetzte... Was?... Nein ich habe diese Schriften nicht als PDF Datei. Und jetzt fang endlich an!"

 

Herzlich willkommen...

 

Sehr geehrter Herr Torstein,

 

Wie bereits telefonisch mit Ihnen vereinbart, schicke ich Ihnen die Unterlagen zur Registrierung beim MKÜP (Ministerium zur Kontrolle übernatürlicher Phänomene) zu. Ich darf Ihnen herzlich gratulieren. Sie treffen eine gute Wahl. Die Registrierung von Erwachten dient dem persönlichen Schutz und hat für Sie klar ersichtliche Vorteile! Immer öfter hört man von Erwachten, die sich plötzlich auflösen auf Grund mangelnder Beherrschung in Gegenwart von Schläfern. Das MKÜP möchte Sie davor bewahren und hat ein wachsames Auge auf die Aktivitäten Erwachter Wesen. Darüber hinaus garantieren wir Ihnen persönlichen Schutz durch unser speziell ausgebildetes Personal im Falle von Gewaltanwendung gegen Ihre Person. Und all das nur durch Aufnahme Ihrer Daten, die wir selbstredend streng vertraulich behandeln! Ich möchte Sie nochmals beglückwünschen und heiße Sie im Kreise der Registrierten herzlich willkommen! Schicken Sie uns beiliegendes Registrierungsformular einfach ausgefüllt zurück, oder besuchen Sie eine unserer MKÜP-Zweigstellen in Ihrer Nähe. Alles weitere nehmen wir dann für Sie in die Hand. Auf eine gute Zusammenarbeit,

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr MKÜP

i.A.
Sebastian Grog

 

Rufus´ Pub

 

Ah, ein neues Gesicht. Wie hat es dich denn hierher verschlagen? Lass mich raten, du weißt es nicht genau. Das ist meistens so, man könnte fast denken, unser Hain findet die Erwachten und nicht umgekehrt! Schau nicht so ungläubig, ich erklär es dir genauer! Einen Hain wie Rufus' Pub, also ein Ort der Versammlung, an dem wir uns unentdeckt von den Schläfern treffen können, gibt es in fast jeder Stadt. Und irgendwie finden die Erwachten dorthin, auch wenn sie oft nicht genau wissen wie. Als ob sie angezogen werden oder so, verstehst du? Nein? Oh, du scheinst wohl gerade erst erwacht zu sein… erwacht, nicht aufgewacht… in Ordnung, ich fang am besten mal ganz vorne an! Was dagegen, wenn ich unser Gespräch aufnehme und Im Boten der Erwachten als Interview raus bringe? Klasse, also: Was bist du? Nein, das ist keine Stunde in Philosophie, sondern eine simple Frage. Du bist anders als die anderen. Eines Morgens bist du aufgestanden, zur Arbeit gegangen und irgendwas war anders. Bei mir war es dieses Kribbeln in den Händen. Ich wusste auf einmal, dass ich etwas konnte, was alle anderen nicht können. Und dann war ich mir plötzlich der Magie bewusst, die mich umgab und ich lernte sie zu nutzen. Ich denke dir geht es ähnlich. Ja, es gibt auch andere. Sieh dir den Kerl da hinten am Tisch an, schwer zu übersehen bei einer Körpergröße von 2,50m und mit zwei Hörnern im Gesicht. Er kommt öfter hierher, weil er sich hier nicht tarnen muss und weil es hier anständiges Bier gibt. Die Kleine an der Theke wiederum kennt ihre Magie seit ihrer Geburt. Na ja, wenn man bei Kobolden aufwächst, kriegt man wohl früh einiges mit. Sie ist noch nicht lange hier... Äh... Und lass mich die Getränke mit Magie überprüfen, die du von ihr bekommst. Kiki experimentiert gern mit Tränken und... na ja, wenn du wert auf dein hübsches Gesicht und eine verständliche Sprache legst, sieh dich ein wenig vor. Das Hinterzimmer sollte man übrigens ebenfalls meiden. Wenn Rufus Hunger hat, macht er auch vor Gästen nicht halt. Von einem Drachen kann man halt kein gutes Benehmen erwarten. Kikis Ehrgeiz hat uns schon drei Elfen gekostet, die sie zu einem Gespräch mit Rufus bringen wollte. Was? Die zwei am Billardtisch? Keine Sorge, die werden immer etwas laut wenn sie über das MKÜP diskutieren! Ach, das kennst du auch noch nicht? Keine Sorge, die rücken dir noch früh genug auf die Pelle mit ihrer Registrierungskiste. Wenn das Psi-Corps es nicht vorher tut. Das ist nämlich so... warte mal, ich glaub du erlebst es gleich live. Die Typen, die da grad reinkommen sehen verdächtig nach MKÜP aus..."

 

Hektik

 

„Wie schlimm ist es?“

„Nichts, was ein anständiger Heilzauber nicht wieder hinkriegt! Aber wenn das Vieh noch mal wiederkommt….“

„Hör auf, daran will ich gar nicht denken! Was zum Teufel war das?“

„Ein Bluthund, ein beschworener Dämon mit einer scheiß Laune!“

„Der Magier aus Kikis Vision?“

„Ich denk schon!“

„Und jetzt?“

„Ich denke wir sollten einen alten Schulfreund von mir besuchen, er ist selbst ein fähiger Magier, was besseres fällt mir im Augenblick nicht ein!“

„Gut, was machen wir mit Tempes und Quentin?“

„Der Heilzauber wird sie noch mindestens zwei Stunden schlafen lassen, wir packen sie einfach ins Auto!“

„Ok, sag Grill und Kiki Bescheid, wo ist denn….?“

„Inga? Neben dir!“

„???“

„Unsichtbar!“

„äh… ok, na dann los!“

 

Grill ist tot

 

Grill ist tot. Während ich krampfhaft versuche mich durch die Berge von Papier zu arbeiten, die sich auf meinem Schreibtisch stapeln spukt mir immer wieder dieser Satz durch den Kopf. Grill ist tot, einfach weg und ich habe jetzt mal eben so die Verantwortung für Rufus´ Pub inklusive Rufus selbst. Und die Verantwortung für einen Raum füllenden Drachen im Hinterzimmer einer Kneipe zu haben ist nun wirklich keine Kleinigkeit! Und all das wegen eines wild gewordenen Dämonenviehs, welches es sich in den Kopf gesetzt hatte alle Erwachten nieder zu metzeln. Hätten wir doch nur früher das Ritual beendet. Hätten wir früher das Vieh gebannt. Hätten wir bessere Heilmöglichkeiten gehabt... Vielleicht sind wir ja schuld, dass Grill tot ist. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich seit drei Tagen nicht schlafe. Ich sollte einen Schlaftrunk mixen. Ich sollte mir das aufschreiben. Statt dessen nehme ich meine Handtasche und ziehe ein Fläschchen mit einer orangefarbenen Flüssigkeit heraus. Dann tue ich ein paar Tropfen davon in ein Glas Cola. Ich tue das zum fünften oder sechsten Mal heute und das Fläschchen ist fast leer. Ich muss dran denken neuen Glücklichtrank zu brauen. Ansonsten krieg ich das hier nie fertig. Woher soll ich denn auch wissen, was man alles an Papierkram erledigen muss, um eine Kneipe für Erwachte zu leiten! Dieser blöde MKÜP–Typ sitzt mir seit drei Tagen im Nacken und wartet nur drauf, dass ich irgendeinen Fehler mache, da geh ich jede Wette ein! Und Grill ist tot. Erwähnte ich das schon? Ich trinke meine Cola und setze mich ans Fenster. Es wird besser. Hey, immerhin hab ich jetzt Rufus´ Pub! Das heißt massig Versuchskaninchen für neue Tränke und einen Job! Geil und keiner kann mir was. Ich bin halt toll! Und dieser Glücklichtrank ist auch toll! Und das Wetter ist toll! Ach, Scheiß auf den Papierkram, ich geh raus und kauf mir ein riesiges Schoko Eis mit Sahne. Immerhin ist morgen auch noch ein Tag!

 

Phönix aus der Asche

 

Am 15. April 1535 bekam Graf Lothar von Burgau, Anhänger der Macht Imperio (später Mitglied des Hauses Nekron), den Auftrag, alle Beweise für übernatürliche Phänomene im Herzogtum Jülich zu beseitigen. Dies sollte wegen zu häufiger Konfrontationen mit den normal sterblichen Menschen geschehen. Selbige machten nun immer öfter Jagt auf Unseresgleichen. Es gab sowieso nicht viele übernatürliche Geschöpfe, seitdem Mythandria im Nebel der Zeit verschwunden war. Tatsächlich hielten die Menschen dies alles mittlerweile für Märchen oder Hirngespinste. Lothar hatte Gerüchte über die Gründung einer neuen Gesellschaft für übernatürliche Geschöpfe gehört und von der Gründung der großen Häuser. Eine Gesellschaft nur für übernatürliche Wesen, die beharrlich versuchte alle Menschen davon zu überzeugen, dass es keine Vampire, Werwölfe oder sonstige mystische Wesen gibt. Menschen, die über solches Wissen verfügten, verschwanden spurlos oder wurden auf unsere Seite geholt. Man  vernichtete fragwürdige Schriften und jegliche Beweise für unsere Existenz und all dies für etwas, dass man das Zeitalter des Vergessens nannte. In den nächsten Jahren studierte Lothar zu Burgau die Sitten und Gesetze dieser neuen Gesellschaft. Aber dazu später mehr.

 

1543 verriet Graf Lothar von Burgau den Herzog Wilhelm von Jülich an Kaiser Karl V, da beide im Streit um das Herzogtum Geldern standen. Er nutzte so die Gelegenheit, um den „großen Brandt von Düren“, wie er später in den Geschichtsbüchern genannt werden sollte, zu entfachen. Die Menschen fanden tatsächlich nie heraus, wie und warum das Feuer gelegt wurde. So verschaffte er Kaiser Karl V und seinem Heer die Möglichkeit, vom  Krausberg aus mit seiner Artillerie eine Bresche in die Stadtmauer zwischen Köln- und Wirteltor zu schießen und dann, nach mehrfachen Sturmangriffen in die Stadt einzufallen.

Das Feuer zerstörte fast die ganze Stadt, unter anderem die Annakirche, das Rathaus, das Archiv in welchem die Gilde der Beobachter ihre Schriften über die Erwachten aufbewahrten und ca.600 Häuser.

 

Die, die über uns Bescheid wussten und fliehen wollten, ließ er von seinen Söldnern zur strecke bringen. Die Schriften der Menschen berichteten später, dass die einfallenden Truppen und Söldner von Karl V für diese Greueltaten verantwortlich waren: „Nach dem Einmarsch der Truppen kam es zu furchtbaren Verwüstungen, zu Morden, Plünderungen und Vergewaltigungen.“ Alle Häuser, Einrichtungen und Zufluchten unserer Brüder und Schwestern hingegen blieben heil, wie die Marienkirche oder die Klosterkirche der Franziskaner.

 

Lothar hatte es damit nicht nur geschafft, die meisten Beweise für unsere Existenz zu vernichten, zudem gewann er Kaiser Karls Vertrauen. Nachdem der Herzog von Jülich mit seinen Söldner geschworen hatte, nie wieder gegen den Kaiser zu kämpfen, beauftragte Kaiser Karl V Lothar heimlich damit ihn zu beobachten und unter Kontrolle zu halten. Lothar machte sich zum heimlichen Berater von Wilhelm und diesen zu seiner Marionette. Später verschwand Lothar spurlos und tauchte erst wieder im Zeitalter des Erwachens auf.

 

Dies ist die Wahre Geschichte vom „großen Brandt von Düren“, welche nur an unseres gleichen weitergegeben werden darf und welche zu diesem Zwecke von mir niedergeschrieben wurde. Das Zeitalter des Vergessens sollte bis zum folgenden Millennium andauern und nur sehr wenige unserer Art sind in dieser Zeit "wach" geblieben. Was aus Lothar von Burgau wurde ist ungewiss. Man munkelt dass er immer noch irgendwo in Villa Duria (Düren) schläft, aber dass sind alles noch Gerüchte.

Sebastian Danov

Archivar und Wächter des Wissens der Gilde der Beobachter,
Haus Furia der Grafschaft Düren